Die NVA in Klietz, Mitte der 1950er Jahre

aufgeschrieben von Lothar Schirmer

Verpatzter Vorbeimarsch zum Tag der NVA 1956

Der Haupteingang zum NVA-Objekt befand sich keine 50 Meter schräg gegenüber von unserem Haus in der Heidestraße. Alles was dort an Militärtechnik rein und raus fuhr, wurde von uns Kindern mit Interesse beschaut. Als ich nach Klietz kam, war das Pionierregiment 12 dort stationiert. Dieses Regiment hatte ein eigenes, noch von der KVP übernommenes Musikorchester, in dem mein Vater spielte. 1957 oder 58 wurde dieses Orchester aufgelöst. Mein Vater wurde dann Sachbearbeiter für Verpflegung und war dem damaligen Major Horst Lelek unterstellt. Lelek war vom Oktober 56 bis August 64 in der NVA Klietz als Oberoffizier Verpflegung tätig.

Zu politischen Höhepunkten, wie dem Tag der NVA, der auf Beschluss des Politbüros seit 1956 am 1. März gefeiert wurde, machte sich ein Militärblasorchester immer gut. Da das Orchester aber aufgelöst wurde, holte man sich zu solchen Anlässen das Militärorchester der Sowjetischen Kommandantur aus Rathenow. 1957 wurde dem Pionierregiment feierlich die Truppenfahne überreicht. Dazu reisten aus Berlin hochrangige Offiziere ein. Die Übergabe erfolgte durch Oberst Sommet und einen General feierlich auf dem Sportplatz außerhalb des Militärgeländes, vor allen Kompanien des Pionierregiments und einer stattlichen Anzahl Klietzer, die dem Apell zuschauten. Das sowjetischen Blasorchesters spielte dort zwei drei Stücke und setzten dann um zum Eingang des NVA-Geländes in der Heidestraße. Dort warteten Sie, gemeinsam mit den Führungsoffizieren und den hohen Gästen aus Berlin auf einer kleinen Tribüne auf die Truppe, die im Exerzierschritt an ihnen vorbei marschieren sollte. Was dort geschah als der erste Zug die Bühne erreichte, habe ich erst Jahre später richtig verstanden. Genau als der Erste Offizier auf Höhe der Bühne war, seinen Säbel zückte, ein lautes gedehntes „Aaaachtung! – die Augeeen links!“ rief, was für die Soldaten bedeutete in Exerzierschritt über zu gehen und die Köpfe wie auf einen Schlag in Richtung der hohen Gäste zu drehen, begann das sowjetische Orchester den „Alten Jägermarsch“ zu spielen. Doch schon nach ein paar Takten kamen die ersten Soldaten aus dem Tritt. Wer weiter Schritt hielt, trat dem Vordermann in die Hacken. Die Soldaten, die kurz zuvor noch mit „zur Faust geballten“ Gesichtern marschiert waren, versuchten vergeblich sich das Lachen zu verkneifen. Offiziere und Gruppenführer bemühten sich ohne Erfolg durch einen strafenden Blick zurück die Disziplin wieder herzustellen, was aber das einsetzende Chaos, dass jetzt sogar noch von lautem Lachen und Klatschen der am Rand stehenden Klietzer unterstützt wurde, verstärkte. Der Grund für den Heiterkeitsausbruch der Soldaten war ganz einfach. Zu jenem „Alten Jägermarsch“ hatten schon Generationen von Rekruten, meist in Bierlaune, den allen bekannten Text: „Und wieder eine Seele vom Alkohol gerettettet und wieder eine Seele vom Alkohol befreit!“ gesungen.

Natürlich kannte der Dirigent des sowjetischen Orchesters die alkoholgeschwängerten Textzeilen nicht und natürlich gab es nach dem Vorbeimarsch harsche Kritik von der Obrigkeit. Aber als die Gäste aus Berlin weg waren, konnten noch über Jahre hinweg die Soldaten und Offiziere herzhaft über diese Geschichte lachen.

 

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Mit der ganzen Familie im Sommerlager

Das Klietzer Pionierregiment, das zum damaligen Zeitpunkt ausschließlich aus Berufssoldaten und Freiwilligen, die sich zu 3 Jahren Dienst  verpflichtet hatten bestand, führte jedes Jahr ein mehrwöchiges Sommerlager durch. Dazu wurde auf einem Militärgelände bei Billberge an der Elbe, ein Zeltlager errichtet, mit allem, was eine militärische Einheit benötigt. Im Mai, nach der Einberufung begann für die neuen Rekruten die Einzelausbildung. Die ersten Grundkenntnisse und praktischen Erfahrungen wurden in diesem Lager vermittelt. Die dienstälteren Soldaten fertigten Brückenköpfe, setzten mit mobilen Pontonfähren über den Fluss und brachten den neuen Rekruten das Einmaleins der Pontonpioniere bei.

Für mich blieben diese Sommerlager in guter Erinnerung, weil an zwei Wochenenden die Familienangehörigen der Berufssoldaten in dem Lager zu Gast sein durften. Am Sonnabend holte ein Mannschaftstransportwagen die Frauen und Kinder aus Klietz ab und brachte uns bis zur Fähre nach Arneburg und dann auf der Westseite der Elbe bis ins Lager nach Billberge. Die Frauen brachten Kuchen mit und der Mannschaftskoch sorgte für den Rest der Verpflegung der Gäste am Wochenende. Geschlafen habe ich damals gemeinsam mit meiner Mutter und meinem Vater in einem 6 x 6m großem Mannschaftszelt, das gleichzeitig als Versorgungsstützpunkt diente. Ende der 50er Jahre war das Wasser in der Elbe noch so gut, dass man bedenkenlos in ihr baden konnte. Das haben wir dann auch ausgiebig getan. Zwischendurch turnten wir Kinder auf den Schwimmwagen, Schlauchbooten und Pontonfähren, die auf dem Gelände standen. Elbaufwärts und elbabwärts war als Begrenzung des Lagers jeweils ein hölzerner Wachturm aufgestellt, in dem hin und wieder ein Soldat mit einem Karabiner stand. Interessant für mich war das Feldtelefon, das ich einmal auf dem Turm entdeckte. Einmal kräftig an der Kurbel, die an dem Gerät war gedreht und der Funker in der Einsatzzentrale, die auf einem LKW mit einem schlichten Blechkastenaufsatz war, meldete sich. Ich hatte das Gefühl, als ob das Soldatsein alles in allem ein großer Spaß ist. Von dem was mit Anstrengung verbunden war, was nicht so funktionierte wie es soll und was per Befehl, auch gegen den Willen der Berufssoldaten durchgedrückt wurde, haben wir Kinder nichts mitbekommen.

 

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Schmunzelgeschichten aus dem Kasernenleben

Überhaupt lief damals, als noch keine Wehrpflichtigen in der Armee eingezogen wurden, alles irgendwie familiärer ab. Der Dienst wurde relativ locker gehalten und Gelegenheiten, das Soldatsein abwechslungsreich zu gestalten, auch wenn es manchmal auf Kosten Anderer ging, gab es immer wieder. Horst Lelek, damals Hauptmann und für die Versorgung zuständig, erzählte mir viele Jahre später, dass man einem Zivilangestellten, der für Haus- und Hofarbeiten zuständig war und dessen Aufgabe u.a. auch darin bestand, mit seinem Pferdegespann den Müll zu entsorgen, einen bösen Streich gespielt hat. Ich glaube, der Mann hieß Puschke. Ein alter Haudegen der aus Hamburg kam und damals, beim Hamburger Aufstand mit Ernst Thälmann dabei gewesen sein soll. An einem Sommertag hatte er seine Pferde ausgespannt und in der Kaserne, auf der Wiese am See grasen lassen. Er ging zwischenzeitlich in die Kneipe, die auf dem Dienststellengelände war zur allseits beliebten Wirtin Irmchen Mahlitz. Dort füllte er sich mit einer Flasche „Stichpimbullibockforzelorum“, einem Kräuterschnaps aus Zerbst, der sich in den Fünfzigern großer Beliebtheit erfreute, ab.

Die längere Abwesenheit nutzten die lieben Kollegen aus, um seine beiden braunen Pferde mit Schlemmkreide in „Schimmel“ zu verwandeln. Der mittelprächtig alkoholisierte Kutscher glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er nach seiner Rückkehr die auf eigenartige Weise verwandelten Tiere entdeckte. Na ja, sie haben es alle drei irgendwie überstanden, die Pferde und auch der Kutscher.

Wesentlich übler hat ihm später einmal sein Kollege Willi Zellhorn mitgespielt. Als Puschke sich im Spätsommer, wie so oft, auf der Wiese in einem Heuhaufen für ein Viertelstündchen Mittagsschlaf niedergelegt hatte und diese Viertelstündchen sich auf gut eine Stunde ausgedehnt hatte, beschloss Zellhorn ihn mal auf eine ganz besondere Weise zu wecken. Er schlich sich heran und setzte kurzerhand den Heuhaufen in Brand. Puschke wurde aus dem Schlaf gerissen, kurz bevor ihn die Flammen erreichten. Das anschließende Geschrei bei der Auseinandersetzung zwischen dem Opfer und dem Übeltäter war in der ganzen Kaserne zu hören.

Ein anderer Zivilangestellter, der als Hausmeister und Heizer arbeitete und Pabusch hieß,  war ein leidenschaftlicher Angler. Er hatte meist vier bis fünf Angeln in der Nähe des Stabsgebäudes im See abgelegt und kontrollierte diese immer wieder mal während der Arbeitszeit. Das entging natürlich auch nicht den Mitarbeitern des Stabes. Als auf dem Speiseplan der Kantine an einem Tag Salzheringe angepriesen wurden, war der Gedanke vom ersten Salzhering im Klietzer See geboren. Ein besonders großes Exemplar fand sich am Haken einer von Pabuschs ausgelegten Angeln wieder. Begleitet wurde das Einholmanöver des „großen Fangs“ mit großem Applaus und Gelächter durch die offenen Fenstern des Stabsgebäudes von fast allen Stabsangehörigen.

Das Militärgelände war auch für uns als Angehörige zugänglich. Ich weiß noch, dass mir Bernhard Skrippeck, der damals Friseur in der Kaserne war, oft die Haare geschnitten hatte. Ausgestattet mit 50 Pfennig, soviel kostete einmal Haare Schneiden, ging ich als kleiner Rotzer allein durch den Eingang bis in seinen provisorischen Frisiersalon. Diese Besuche fanden dann aber plötzlich ein jähes Ende. Skrippeck, der schon hin und wieder einmal den Geruch von Alkohol verströmte, wenn er beim Haare Schneiden seinen Kunden zu nah kam, muss wohl nicht seinen besten Tag gehabt haben, als ich wieder einmal auf seinem Stuhl saß. Worüber er mit mir sprach weiß ich nicht mehr. Ich kann mich nur daran erinnern, dass er es ziemlich eilig hatte und die Schere nur so über meinen Kopf flog bis, ja bis plötzlich ein Stückchen Haut von der Oberkante meines linken Ohres weg war und plötzlich Blut floss. Noch ehe ich den Schmerz spürte, war Skrippeck schon dabei mit Toilettenpapier, das damals noch als Halskrause unter den obligatorischen Umhang gelegt wurde, die Blutung zu stillen. Mein Frisörbesuch war damit beendet. Der Barbier gab mir noch auf den Weg: „Sag mal deiner Mutter, dass es mir Leid tut und du brauchst heute nichts zu bezahlen.“ Irgendwie hat meine Mutter aus dem Schnippselchen, das da fehlte, mehr gemacht als es eigentlich war. Jedenfalls zu Hause. Fortan durfte ich nie mehr in die Kaserne zum Frisör und musste dafür den längeren Weg zu unserem Dorffrisör Herrn Treue gehen, der sich über den neuen Kunden freute.

Schräg gegenüber von unserem Haus befand sich die Kulturbaracke der NVA. Ein Vorteil den nicht nur ich als Kind damals genoss. In dieser Baracke, die immerhin mit Klappsitzen, wie sie damals in den Kinos üblich waren, ausgerüstet war und die über eine Bühne verfügte, wie man sie in diesem Gebäude nicht vermutete, spielte sich ein guter Teil des Klietzer Kulturlebens ab. Von der Außenseite gab es einen Eingang für die Bewohner des Dorfes, von der Kasernenseite aus konnten die NVA-Angehörigen in das Gebäude. Jede Woche gab es eine Kino-Vorstellung und da spielte sich, wie wir als Kinder, die wir immer ganz vorn saßen, auf den hinteren Bankreihen so allerhand ab. Dieser lauschige Ort, der praktischer Weise während der Filmveranstaltung ziemlich dunkel war, diente den Soldaten und ihren Mädchen aus Klietz und Umgebung, für heimliche Treffs, bei denen sich vom Händchenhalten bis zu hemmungsloser Leidenschaft alles abspielte, was zwei liebende Herzen so zu tun pflegen. Ich bin mir sicher, dass einige der Besucher der letzten Reihen das Kino nach der Veranstaltung verlassen haben ohne zu wissen, welcher Film eigentlich gespielt wurde. Als Jungs amüsierten wir uns köstlich über die verschlungenen Silhouetten oder die ungewöhnlichen Geräusche in den Reihen weit hinter uns.

 

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Ein Sturz, der das Leben veränderte

Im Frühjahr 1959 hatte mein Vater einen schweren Unfall, der ihm fast das Leben gekostet hätte. An einem Wochenende hatten die Bediensteten der NVA einen Subotnik, das waren mehr oder weniger freiwillige Arbeitseinsätze. Dieser Subotnik diente der Verschönerung des Objektes. Dreckecken wurden gereinigt, die Uferzone des Sees gesäubert und Bäume beschnitten. Zwischen dem Stabsgebäude und der Mauer, die die Begrenzung zum zivilen Bereich der Seesiedlung bildete, standen sehr hohe einzelne Kiefern, deren untere Äste die Dachrinne berührten und so leicht Schäden verursachen konnten. Mein Vater ist den gut 6 – 8 Meter hohen glatten Stamm der Kiefer, ausgerüstet mit einem Seil und einer Handsäge hinaufgeklettert, um die störenden Äste zu entfernen. Dazu hatte er das Seil über einem der kritischen Äste um den Stamm des Baumes gebunden. Das andere Ende erfassten seine Kollegen, die am Boden standen und zogen damit den Baum ein Stück von der Dachrinne weg.

Als Heinz Schirmer die störenden Äste abgesägt hatte, wollte er wieder den Stamm hinunter klettern. Ausgerechnet sein Regimentskommandeur, Major Fritz Michauk, rief ihm zu, dass er sich an dem gespannten Seil herunter lassen soll. Meinem Vater war das aber nicht geheuer. Er wiegelte ab und sagte, dass ihm das Seil zu schwach erscheine für solch eine Aktion. Das war wiederum Anlass für den Kommandeur und die anderen unten stehenden Mitarbeiter meinen Vater anzustacheln mit Worten wie: „Hast wohl schiss? Komm, trau dich ruhig, wir halten dass hier schön straff…“ Na ja, und dann hat er nachgegeben. Die vier fünf Männer am Boden, die gute 10m vom Baum entfernt standen, zogen mit aller Kraft an dem Seil, so dass es sich straff spannte. Mein Vater ergriff das Seil, löste sich vom Stamm des Baumes, schwang seine Beine um das Seil und als er gerade beginnen wollte sich herunter zu hangeln, riss das Seil kurz hinter dem Befestigungsknoten durch. Arme und Beine in die Luft gestreckt fiel er gute 7 Meter hinunter und landete mit dem Rücken auf hartem Sandboden. Den Spöttern fuhr ein gehöriger Schreck durch den Körper und ich glaube jeder von ihnen, ganz besonders der Kommandeur, hätte am liebsten die Situation ungeschehen gemacht. Mein Vater war nicht besinnungslos aber sein Körper war in einem Schockzustand. Er konnte sich nicht bewegen. Jedem, dem so etwas Jahre später passiert wäre hätte man gesagt: Nicht bewegen, wir holen einen Arzt und einen Krankenwagen. Damals aber wusste keiner so recht, wie man mit dieser Situation umgehen soll. Heinz Schirmer wurde auf eine Trage aus dem Saniwagen (Sanitätswagen) des Regimentes gehievt und nach Hause getragen. Dort legte man ihn in sein Bett und wartete auf den Bereitschaftsarzt, der zwischenzeitlich verständigt wurde. Ich war zu Hause, als sie meinen Vater brachten und meiner Mutter erzählten, dass er vom Baum gefallen sei, ohne die näheren Umstände zu erläutern. Meine Mutter drückte mich fest an sich, als sie in der Küche stand und beobachtete, wie die Männer die Trage in das Schlafzimmer bugsierten und meinen Vater ins Bett hoben. Ich glaube sie hat zu dieser Zeit schon gespürt, dass die Verletzungen, die mein Vater hatte, sehr ernst waren. Der Bereitschaftsarzt, Dr. Heuschke, der nach einiger Zeit auftauchte, ließ meinen Vater sofort ins Krankenhaus nach Tangermünde überweisen. Hier stellte man fest, dass die Wirbel der Wirbelsäule vom unteren Halswirbel bis in den Lendenwirbelbereich „herausgesprungen“ waren. Mein Vater bekam einen Gips um den gesamten Körper, vom Hals bis zu den Hüften. So verbrachte er ein halbes Jahr im Krankenhaus. Mit Schmerzen in der Wirbelsäule und einer später daraus entstandenen Versteifung hatte er bis an sein Lebensende zu kämpfen. Vom Militärdienst wurde er ausgemustert. Seine Ausbildung als Musiker und die langjährige Praxis im Militärorchester ermöglichten ihm einen neuen Start. Er trat am 01.09.1959 in den Schuldienst ein und unterrichtete vorerst in der Unterstufe und später bis zur 10. Klasse die Schüler der Schule „Seeblick“ im Fach Musik.