Franziska Mühlenbrock: „Hundert Jahre und kein bisschen müde“

aufgeschrieben von B. Conrad | geboren 1941 | Diplompädagogin

So stand es am 18. Februar 2014 in der Volksstimme, denn am 14. Februar 2014 war Franziska Mühlenbrock 100 Jahre alt geworden und hatte ihren Geburtstag im Kreise der Familie und mit vielen anderen Gästen gefeiert. Zahlreiche Gratulanten der Gemeinde Klietz kamen, um sie zu ehren und zu beglückwünschen. Redet man mit ihr, fällt der Dialekt auf, in dem sie spricht. Österreichisch? Richtig!Franziska Eder wurde am 14. Februar 1914 in der Nähe des Stifts Göttweig, in Parndorf, einem Benediktiner Kloster, in Niederösterreich geboren. Es ist eine wunderschöne Landschaft, in der sie ihre Kindheit und Jugend verbrachte. Wer schon einmal eine Donaureise unternommen hat, kann sich ein Bild davon machen, der Fluss ist etwa 4 km von ihrem Elternhaus entfernt. Die nächst größere Stadt ist Krems und die blaue Kirche von Dürnstein spiegelt sich im Wasser der Donau wider. Es ist eine malerische Landschaft, geprägt von Weinbergen und hohen Bergen. Franziska war das 6. Kind, das 6. Mädel, das in der Familie geboren wurde. Klangvolle Namen gaben die Eltern ihren Töchtern: Anna, Marie, Theresia, Josefa, Barbara und Franziska. Erinnert sich Franziska an ihre Schulzeit, hat sie sich gern mit den Fächern Deutsch und Geschichte beschäftigt. Noch heute ist ihr Interesse am aktuellen Geschehen groß. Und ihr Zeugnis brauchte sie niemals vor ihren Kindern zu verstecken – nur „Einser“

Die bereits erwähnten Weinberge prägen die Landschaft, sind wunderschön anzusehen, aber das ist die eine Seite. Die andere bedeutet Arbeit und Pflege. Schon früh musste Franziska mit im Weinberg arbeiten, hätte aber doch sehr gern eigenes Geld verdient. Und das kann man ja auch gut verstehen. Eines Tages las sie in der Zeitung: Deutschland sucht Arbeitskräfte! Dieser Aufruf kam ihren persönlichen Wünschen und Vorstellungen sehr entgegen. Und so machte sie sich mit Hunderten Männern und Frauen auf den Weg nach Deutschland, um in einer Munitionsfabrik zu arbeiten. Interessant ist – es waren überwiegend Frauen, die diese Gelegenheit wahrnahmen. Die WASAG, die Westfälische-Anhaltische Sprengstoff-AG war der Stammbetrieb, und das von 1936-1938 errichtete Werk in Klietz sollte ihre zukünftige Arbeitsstelle werden. Die Ankunft auf dem Schönhauser Bahnhof im Dezember des Jahres 1938 war mehr als ernüchternd.

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Kinder singen Franziska Mühlenbrock ein Ständchen
Der Bürgermeister Jürgen Masch gratuliert zum 100. Geburtstag

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Kinder singen Franziska Mühlenbrock ein Ständchen

Der Bürgermeister Jürgen Masch gratuliert zum 100. Geburtstag

„Hier bleiben wir nicht!“ – die einhellige Meinung der frisch Angekommenen. Zu trist und zu öde erschien ihnen die Gegend und sie hielt dem Vergleich mit der lieblichen niederösterreichischen Heimat nicht stand. Ja, der Fluss – die Elbe – war auch viel zu weit entfernt, um auch nur annähernd ein Heimatgefühl aufkommen zu lassen. Bleiben? Nicht bleiben? Wie so oft im Leben kommt es anders, als man denkt. Franziska Mühlenbrock arbeitete zwei Jahre in der Munitionsfabrik, dem Sprengstoffwerk. Es war keine schwere Arbeit und das ganze Umfeld sehr sauber. Wie so viele andere war sie sich der Produkte aus dem Werk nicht bewusst. „Ich hatte Arbeit und verdiente Geld“, sagt sie fast entschuldigend. Das Rohstoff-Pulver wurde in große Tonnen gegeben, das Ganze sah aus wie Späne, dann wurde es in Säcke gefüllt und auf Rollwagen abtransportiert. Mit dem Rohpulver musste sehr vorsichtig umgegangen werden. Wegen des Nitroglyzeringehalts war die Explosionsgefahr groß und Reibung musste vermieden werden.Auf einem großen Schießstand im Wald wurde das Pulver ausprobiert. Von den errichteten Gebäuden war kaum etwas zu sehen, denn das Werk wurde im Wald „versteckt“. Die dort arbeitenden Frauen lebten in ordentlichen Unterkünften – in 3-Bett-Zimmern – in denen es Duschen und Bademöglichkeiten gab. Sauberkeit war sehr wichtig. Die Beschäftigten des Werkes arbeiteten in 2 Schichten. In dieser Zeit entstanden die Seesiedlung und die Friedenssiedlung, deren Häuser für die damalige Zeit komfortabel ausgestattet waren. Der Chef des Werkes hieß Albrecht. Nach dem Krieg hörte man nichts mehr von ihm, er gilt als verschollen. In der Leitung des Werkes arbeitete viel „Intelligenz“ – so Frau Mühlenbrock. Promovierte Chemiker hatten die Produktionsabläufe ständig überwachend im Blick. Das eigene Geld war der jungen Frau sehr wichtig, es machte das Leben angenehmer. Vom Werk aus wurden Ausflüge organisiert und zwei Mal in der Woche fuhren Busse nach Stendal (das Geld musste ja unter die Leute gebracht werden…). Ein Mal in der Woche konnte man ins Kino gehen. Hier im Werk lernte sie auch ihren Mann Heinrich kennen. Er war von der Munitionsfabrik Haltern nach Klietz delegiert worden. Im Februar 1940 heirateten die jungen Leute und an Rückkehr in die niederösterreichische Heimat dachte Franziska nicht mehr. Die Verbindung dorthin bleib natürlich bestehen, wohnte doch der größte Teil der Familie noch in der Nähe des Stifts Göttweig. Die in Klietz wohnende Familie vergrößerte sich. Töchterchen Marlies kommt im Dezember 1940 zur Welt.


Eine Episode aus der Zeit des Krieges ist noch erwähnenswert: Im Sprengstoffwerk arbeiteten auch Menschen aus Polen. Ein polnisches Ehepaar, das als Zwangsarbeiter dort arbeiten musste, wohnte in einem der Bunker. Eines Tages baten die Eheleute Frau Mühlenbrock um Wasser und Brot und bekamen das Gewünschte auch von ihr. Als das Ehepaar später bei anderen Familien plünderte, wurden die Mühlenbrocks verschont. Die gute Tat war nicht vergessen! Vater Heinrich muss in den Krieg und kehrt 1945 verwundet nach Hause. In Scharlibbe werden 1945 der Sohn Heinz und 1946 Sohn Ralf geboren. Nun war die Familie komplett.In der Nachkriegszeit eine Familie zu versorgen war schwer. 1959 verstarb ihr Mann und Frau Mühlenbrock musste nun allein für Erziehung und Betreuung ihrer drei Kinder die Verantwortung tragen. Für die Jungen bot Klietz jede Menge, oft nicht ungefährliche, Abwechslung. Und 14-jährige sind überaus neugierig und abenteuerlustig. Da waren der See und die nahe gelegenen Wälder, in denen es viel zu entdecken gab. Auch Gefahren lauerten auf dem Gelände des ehemaligen Sprengstoffwerkes. Gut, dass die Mutter nicht immer wusste, wo ihre Söhne spielten. Und selbstredend wurde darüber zu Hause auch nichts erzählt…..

Den Lebensunterhalt für ihre Familie verdiente Franziska Mühlenbrock als Verkäuferin in verschiedenen Konsum Verkaufsstellen in Klietz, u. a. in der Konsum-Bäckerei. Als sie im Alter von 67 Jahren in den wohl verdienten Ruhestand geht, blickt sie auf ein erfülltes, arbeitsreiches leben zurück. Am gesellschaftlichen Leben ist Franziska Mühlenbrock noch immer interessiert. Mit wachem Geist verfolgt sie die Weltereignisse und beurteilt sie sehr objektiv, kann sich aber sehr über Ungerechtigkeit und manche Entscheidungen der Politiker ärgern. Franziska Mühlenbrock wohnt in Klietz allein, wird aber liebevoll betreut von ihrer Schwiegertochter und der Familie ihres Sohnes. Wie uneigennützig Franziska Mühlenbrock denkt, kommt in der besorgten Frage um Ausdruck: „Wer kümmert sich wohl mal um meine Schwiegertochter?“

Die junge Frau Mühlenbrock hört das nicht so gern, denn die Betreuung ihrer Schwiegermutter ist für sie selbstverständlich. Ich denke, sie braucht sich auch keine Sorgen zu machen, lebt sie ihren Kindern doch vor, wie wichtig Harmonie im Zusammenleben der Menschen ist. So waren zum „Hundertsten“ alle Kinder, Enkel und Urenkel bei der Mutter, Großmutter und Urgroßmutter. Die Jüngsten haben gesungen und für die Oma schöne Bilder gemalt, die Frau Mühlenbrock in ihrer Wohnstube an der Wand angebracht hat. Einer der Höhepunkte zum außergewöhnlichen Ereignis war, dass vier Bäume für die Jubilarin gepflanzt wurden. Das Wachsen und Gedeihen kann sie von ihrem Zimmer aus beobachten, so wie sie auch das Wachsen und Gedeihen ihrer Familie mit Freude beobachtet.

 

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Quelle: Das Wissen der Region Band 4