Truppenübungsplatz Klietz – Wurde die Militärgeschichte in Klietz vergessen?

aufgeschrieben von Werner Grabolle | geboren 1948 | Oberstleutnant a.D.

Truppenübungsplatz Klietz

– Gedanken zur Stationierung von Militär in der Region Elb-Havel-Winkel und deren Auswirkung auf die Infrastruktur in Klietz, die Umgestaltung der Landschaft und der Natur nach 1948 bis zur heutigen Zeit. –

In der Chronik der Gemeinde Klietz und in den sehr schönen Beschreibungen der Natur, der Flora und Fauna in den Wäldern, an den Ufern der Havel und Elbe und auf den Heideflächen im Klietzer und Schollener Land ist sehr wenig über den Einfluss der militärischen Landschaft zu finden. Doch gerade hier auf den Flächen des Truppenübungsplatz Klietz, die als militärische Sperrgebiete deklariert sind und keinen Zugang für die allgemeine Öffentlichkeit erlauben, hat sich eine eigene Flora und Fauna entwickelt, die so nicht mehr überall zu finden ist. Auch die strukturelle und wirtschaftliche Entwicklung in den Gemeinden und in der Region wurde nachweisbar nicht wenig durch die Stationierung des Militärs bis hin in unsere heutige Zeit geprägt. Ich meine, Gebäude, Einrichtungen oder Gelände existieren unabhängig jedes politischen Systems und sind es allemal wert, nicht in Vergessenheit zu geraten.


Anfang der militärischen Stationierung 1948

Ausbau des Truppenübungsplatz Klietz

In groben Zügen, ohne geschichtliche und politische Wertung, soll hier der Verlauf der militärischen Entwicklung in unserer Region Elb-Havel-Winkel erinnert und bekannt gemacht werden. Die folgenden Angaben über diese Zeit entstanden durch die verschiedensten Recherchen und die Gespräche mit Zeitzeugen. Aber auch durch eigenes „Erleben“ konnten die folgenden Zeilen entstehen. Ich selbst war sehr lange in militärischer Verantwortung in verschiedenen militärischen Dienststellungen ab 1974 bis 1993 in Klietz tätig. Danach habe ich den Westteil unseres Vaterlandes als Stabsoffizier, hauptsächlich im Bonner und im Aachener Raum, kennengelernt. Natürlich wird kein Anspruch auf Vollständigkeit der Abläufe und der Zeiten erhoben, es soll ja auch nur ein kleiner Abriss oder Hinweis auf die militärische Vergangenheit und Gegenwart in der Region Elb-Havel-Winkel sein. Ein genauer Ablauf der Geschehnisse würde sicherlich Stoff für ein eigenständiges Buch bieten.

Angefangen hat die Stationierung von bewaffneten Kräften kurz nach 1948, nachdem die Sowjetarmee aus den Gebäuden der ehemaligen Westfälisch-Anhaltischen Sprengstoff-Aktien-Gesellschaft (WASAG) in Klietz abgezogen war. Die WASAG war ein bedeutendes deutsches Unternehmen für die Herstellung von Sprengstoffen, Explosivstoffen und Munition. Von 1934 bis 1945 produzierte die WASAG auch mit dem Einsatz Hunderter verschleppter Zwangsarbeiter auf dem Gelände um die Ortschaft Klietz Sprengstoffe für das Militär. Das Unternehmen wurde nach Kriegsende von der ehemaligen Sowjetunion demontiert. Ab 1948 wurde in Klietz, hauptsächlich in den Gebäuden der ehemaligen Fremdarbeiter und Kriegsgefangenen, eine Kaserne für die sogenannten Polizeibereitschaften der Hauptverwaltung Ausbildung (HVA) hergerichtet.


Orchester_der_KVP_KlietzTruppenübungsplatz Klietz – Orchester der KVP
Es entstand eine Offiziersschule mit etwa 7 Kompanien. Die Offiziersschüler sollten die Kader für den militärischen Teil des damaligen Ministeriums des Innern (MdI) in der sowjetischen Besatzungszone sein. Die Offiziersschule wurde 1953 nach Weißenfels verlegt. Es rückte die inzwischen ab 1. Juli 1952 aufgestellte Kasernierte Volkspolizei (KVP) nach. Nach weiterem Umbau und Erweiterung des Kasernengeländes entstand eine weitläufige umzäunte Kasernenanlage. Ab September 1953 wurde eine Brückenbauabteilung zum Standort Klietz verlegt mit der Aufgabe, ein selbständiges Brückenbaukommando aufzustellen. Aus dieser Abteilung wurde später ein Pionierregiment.
Der damalige Einsatz der Pioniere aus dem Standort Klietz erfolgte in der Regel zum Hochwasserschutz und zur Einbringung der Ernte. In den fünfziger Jahren bauten die „Klietzer“-Pioniere zahlreiche Behelfsbrücken. Eine besondere Herausforderung war der Bau einer Brücke über die Dosse in Rübehorst und die Errichtung der 50 m langen Dombrücke in der Stadt Havelberg. Der relativ kleine Erprobungs- und Schießplatz des einstigen Sprengstoffwerkes war jetzt zu klein und musste ausgebaut werden, so dass die KVP ihre Schießausbildung durchführen konnte.
Das erste militärische Sperrgebiet nach dem Krieg, unmittelbar am Klietzer Dorfrand, war entstanden.
Zeitgleich zu den Geschehnissen in Klietz wurde in der Prignitz, kurz hinter der Stadt Havelberg, in dem Ort Glöwen, ein Artillerieregiment der KVP aufgestellt. Für dieses Regiment wurde ein größeres Gelände zum indirekten und direkten Schießen der Kanonen und Haubitzen benötigt.Die traditionellen Truppenübungsplätze aus der Kaiser- und Wehrmachtszeit waren ja durch die „Rote Sowjetarmee“ besetzt und wurden teilweise als deren Garnisonsstandorte ausgebaut. Das waren hier in unserer Nähe die Truppenübungsplätze Letzlinger Heide und Altengrabow. Die Geländeauswahl für einen Schieß- und Übungsplatz für die Truppen der KVP fiel auf die Region um Klietz.
Der Standort mit seinem See, „eingebettet“ zwischen den zwei Flüssen Elbe und Havel sowie die dünn besiedelte Gegend waren eine sehr gute Voraussetzung für den Ausbau des Truppenübungsplatz Klietz. Die bereits erfolgte Stationierung von Truppen, war sicherlich auch ein guter Grund für diese Auswahl.
Mit der Gründung der Nationalen Volksarmee der DDR (NVA) im April 1956 und der Nähe zu den aufgestellten Truppen der ehemaligen NVA, besonders um den Raum Berlin und Potsdam, war die endgültige Entscheidung für eine dauerhafte Stationierung von militärischen Einheiten in der Ortschaft Klietz und Umgebung getroffen.
Mit dem Aufstellen der 1. Motorisierten Schützen-Division (1. MSD) in Potsdam und des Militärbezirkes V in Neubrandenburg, wurde der Ausbau des Truppenübungsplatzes besiegelt und stetig vorangetrieben.
Das war natürlich die folgenschwerste Entscheidung für die Region.
Der Truppenübungsplatz Klietz in den heutigen Grenzen mit etwa 11 000 ha Gelände entstand und damit das größte zusammenhängende Sperrgebiet im Norden des heutigen Sachsen-Anhalt bis hinein in das Land Brandenburg.

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Hinweissschilder auf dem Truppenübungsplatz Klietz

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Erhebliche infrastrukturelle Veränderungen durch die ständige Stationierung des Militärs auf dem Truppenübungsplatz Klietz

Aber auch die weitere Stationierung des Militärs in den Kasernenanlagen in der Gemeinde Klietz wurde vorangetrieben. Es war im Laufe der Jahre ein ständiger Wechsel zu erleben.Die bisher stationierten Pioniertruppen der KVP wurden 1956 in die NVA eingegliedert und wuchsen zum Pionierregiment auf. Das Regiment wurde im Herbst 1963 in die ehemalige Wehrmachtskaserne nach Dessau verlegt. Kurz danach wurden 2 Abteilungen des Artillerieregimentes 1 der NVA aus Oranienburg mit ihren 122 Haubitzen in Klietz stationiert. Bis sie 1974 zurück verlegt wurde zum Artillerieregiment 1, in die neu gebaute Kaserne in Lehnitz bei Oranienburg.

Danach, fast nahtlos, übernahm die neu aufgestellte Panzerjägerabteilung 1 mit ihren 100 mm Kanonen und Lenkraketen, sowie die Geschosswerferabteilung 1 bis 1983 die Kaserne. Diese zwei Truppenteile wurden dann nach Beelitz, bei Potsdam, verlegt. Die Truppenübungsplatzkommandantur mit ihren Werkstätten, Soldaten und zivilem Personal verlegte 1963 ebenfalls ihren Sitz in die Kasernenanlage an der Windmühle und wuchs im Personalbestand über die Jahre weiter heran. Die bedeutendste Belegung der Kasernenanlage in diesen Jahren erfolgte ab 1983 durch die Artillerieeinheiten des Ausbildungszentrums 19 in Burg. Zur Erhöhung der Mobilmachung der NVA wurden ein Artillerieregiment, eine Geschoss- und eine Panzerjägerabteilung und eine Raketenabteilung stationiert. Das waren Ausbildungseinheiten, die im Prinzip nur mit Stamm- und Funktionspersonal und im Wechsel durch Reservisten zur Ausbildung aufgefüllt wurden.

Das war natürlich eine große „Personalbewegung“, die neben dem Truppenübungsplatz Klietz, auf dem ja nahezu die gesamte NVA übte, dazu beitrug, dass der Ort Klietz wirklich DDR-bekannt war. Das spürte auch meine Familie, als diese mir nach meiner Versetzung als Batteriechef in die Panzerjägerabteilung 1 nach Klietz folgen musste. Als meine Frau auf dem Bahnof in Berlin Schönefeld die Fahrkarte nach Klietz lösen wollte (man konntedamals noch mit der Bahn bis Klietz reisen), löste sie damit beim Eisenbahner und bei den umstehenden Reisenden nicht gerade aufbauende Kommentare zum Zielort Klietz aus. Auch ihre Arbeitskolleginnen, die durch ihre Männer vom Klietzer Truppenübungsplatz wussten, rieten ihr ab, in Klietz zu wohnen. Alle Kommentare zu Klietz waren gleich: „… weil es da nur Tag und Nacht knallt und scheppert und die Kaffeetassen ständig vor lauter Erschütterungen aus dem Schrank fallen“. Sie kam wirklich ungern nach Klietz und ganz unrecht waren die Meinungen der verschiedenen Leute schließlich auch nicht.

Weiterhin wurde eine Dienststelle, 1957, ein bisschen außerhalb von Klietz im Walde, im ehemaligen Direktoriumsgebäude der WASAG und späterer Lungenheilstätte, untergebracht. Es war das militärwissenschaftliche Institut (MWI), eine Außenstelle der damaligen Hauptverwaltung militärische Aufklärung in Berlin.

 


Da der Besuch und das Betreten der Dienststelle selbst für höherrangige NVA Angehörige des Standortes kaum möglich war und das Betätigungsfeld des dort arbeitenden Personals absolut geheim gehalten wurde, bezeichnete der „Volksmund“ das MWI als „Schweigenden Stern“. Viele Gerüchte waren über diese Dienststelle im Umlauf, die, wie es sich später heraus stellte, nur teilweise stimmten. Zu der Stationierung der militärischen Dienststellen kamen noch die zivilen Einrichtungen und Betriebe, die für die Bewirtschaftung und das Betreiben der militärischen Liegenschaften verantwortlich waren, hinzu.Hervorzuheben ist dabei die Entstehung des Militärforstwirtschaftsbetriebs (MFB), der seinen Sitz in der ehemaligen Oberförsterei östlich in der Ortslage Klietz hatte. Der MFB Klietz war nicht nur in Klietz für die forstliche Hoheit mit den vielen Facetten, wie z.B. Natur- und Artenschutz, Gewässerschutz, Bejagung und Befischung des Gewässers, Waldregulierung mit Pflege und Aufforstung, Brandschutz und die forstlichen Arbeiten zur Sicherstellung des Ausbaus bzw. der Erweiterung der Ausbildungsanlagen auf dem Truppenübungsplatz Klietz verantwortlich.

Bis zum Harz erstreckten sich das Aufgabengebiet und die Verantwortlichkeit des Betriebes für die Wald- und Geländeflächen, die in der Nutzung des ehemaligen Ministeriums für Nationale Verteidigung der DDR festgelegt waren. Darüber hinaus betrieb der MFB ein Sägegatter, eine Hühnerfarm und stellte wichtige Teile für das Fernsehgerätewerk in Staßfurt her. Auch dieser Betrieb wuchs im Verlauf der Jahre beachtlich personell und infrastrukturell an.

Die Ansiedlung der vielen Menschen in der kleinen Seegemeinde Klietz brachte natürlich infrastrukturelle Probleme mit sich. Alle, die als „Stammpersonal“ in den verschiedensten Dienststellen arbeiteten – uniformierte und nicht uniformierte Menschen – mussten mit ihren Familien im Ort Klietz und der näheren Umgebung untergebracht werden. Nach Dienstzeitende herrschte reger Betrieb. Auf dem Terrain des heutigen hochmodernen und schönen Land-Gut-Hotels „Seeblick“ in Klietz stand das im „Volksmund“ genannte Lokal „Blauer Bomber“. In dieser, bis zur heutigen Zeit legendären Gaststätte, wurde an den Wochenenden kräftig zum Tanzen aufgespielt. Der Blaue Bomber war und ist noch heute das Markenzeichen in der Erinnerung der gedienten Soldaten, von der Ostsee bis zum Erzgebirge für den Ort Klietz.

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Militärwissenschaftliche Institut (MWI)

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In dem ehemaligen Direktionsgebäude der WASAG war seit 1957 das Militärwissenschaftliche Institut (MWI) untergebracht.


Komischerweise wussten damals und heute nur wenige Leute, warum die Gaststätte so genannt wurde. Eins ist sicher: mit Flugzeugen oder Bomben hatte es nichts zu tun. Nach Meinung mehrerer verlässlicher Zeitzeugen ist es eher auf den starken Tabakqualm von den Zigaretten zurück zu führen. Aufgrund der niedrigen immerdecke in der Kneipe und der fehlenden Lüftungsmöglichkeiten konnte man oft nur noch im blauen Dunst den sehr fülligen „bombenkorpulenten“ Gastwirt erkennen. Wahrscheinlich rief ein Witzbold in guter Bierlaune seinen Zechkumpanen zu, als der Wirt Bier und Schnaps an den Tisch brachte, „Jetzt kommt der blaue Bomber“. Unter Gelächter und Beifall machte das die Runde und die Bezeichnung „blauer Bomber“ war für immer eblieben. Wer weiß, ob das wirklich so war?
Am Anfang wurde das Dorf Klietz allmählich von uniformierten jungen Männern bevölkert. Bald kamen die jungen Mädchen und Frauen aus dem Umland von Genthin, Stendal, Tangermünde, Havelberg und sonst woher zu den Tanzabenden. Das konnte nicht ohne Folgen bleiben und die ersten Ehen wurden geschlossen. Die Wohnungen der ehemaligen Werksangehörigen der WASAG wurden den jungen Familien zugewiesen, hauptsächlich in der Seesiedlung, weil diese unmittelbar an der Kaserne lagen und frei standen. Die Häuser waren in der Regel mit zwei Familien belegt und die Wohnverhältnisse waren aus heutiger Sicht katastrophal.Der Bedarf an Wohnraum stieg bei den immer mehr anwachsenden Dienststellen sprungartig an. Aber auch die Entwicklung der rein zivilen Betriebe in Landwirtschaft und Gewerbe erforderte weiteren Wohnraum.
Die Möglichkeiten der Gemeinde Klietz zur Unterbringung der Familien waren erschöpft. Gemeinsam mit allen „Bedarfsträgern“ wurde der Neubau an Wohnungen, ob Eigenheim oder mehreren „Neubaublöcken“ (Volksmund Platte) endlich verwirklicht. Nur die Versorgung mit Konsumgütern war für eine inzwischen so groß gewordene Gemeinde sehr dürftig. Das Landwarenhaus im Zentrum des Dorfes gab sich die größte Mühe, den Wünschen der Käufer nachzukommen, aber wo nichts ist, kann man auch nichts verteilen.
Von meinem vorherigen Wohnort Teltow im Dunstkreis von Berlin war das ein Sprung, die Versorgung betreffend, rückwärts. Der erste Einkauf im klitzekleinen „Seekonsum“ verlief für uns erschütternd. Die Frage nach Tütenmilch mit Kakao oder mit Vanillegeschmack wurde verständnislos von der Verkäuferin mit „nein“ beantwortet. Dieses Produkt kannte sie auch gar nicht. Flaschenmilch können wir kaufen, aber nur wenn wir bestellt haben…Ohne Vorbestellung waren manche Waren eben nicht zu haben. Aber daran haben wir uns doch bald gewöhnt und keinen Schaden davon getragen. Der Kinderreichtum in der Gemeinde war ein Segen und eine moderne Schule mit ihren Einrichtungen wurde gebaut. Viele „Soldatenkinder“, darunter auch meine, besuchten diese wirklich sehr schöne Schule mit ihren vielfältigen Möglichkeiten. Die Gemeinde Klietz hatte wohl bevölkeungsmäßig ihren Höhepunkt erreicht. Natürlich gab es noch viele weitere infrastukturelle und andere menschliche Probleme mit der wachsenden Bevölkerung in Klietz, die aber an dieser Stelle den Rahmen des Themas sprengen würden.Die Probleme mit der Bevölkerung durch das ca. 11.000 ha Sperrgebiet und die hohe militärische Nutzung waren vorprogrammiert

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Seesiedlung
Gasthaus Bomber

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Haus in der Heidestraße – Seesiedlung

Gaststätte „Neumann“, später „Haus am Eck“ – im Volksmund „Blauer Bomber“ genannt.


Das Sperrgebiet des Truppenübungsplatz Klietz in seiner Ost-West Ausdehnung von ca. 19 km und seiner durchschnittlichen Nord-Süd Ausdehnung von ca 9 km liegt heute zu zwei Dritteln auf dem Gebiet des Landes Sachsen-Anhalt und zu einem Drittel in Brandenburg. Das Areal zwischen Elbe und Havel verfügt auch noch über externe Flächen für die Außenfeuerstellungen der Artillerie bei Schönfeld und Kamern. Vor 1990 gab es noch Startstellungen für Raketen bei Schlagenthin (Raum Genthin) und Stechow (Raum Rathenow). Dieses Territorium bereitete den Bewohnern der Anrainergemeinden gewiss keine Freude. Das Verbot des Betretens der Flächen unmittelbar vor der Haustür war vielleicht das kleinste Übel. Zu den schönsten und ertragreichsten Pilzstellen konnte man sich zur Not noch durch interne Geländekenntnis „schwarz“ heranarbeiten. Das war natürlich durch den unaufhörlichen Übungs- und Schießbetrieb sehr gefährlich.

Die ständige Lärm- und Staubbelästigung, die oft gesperrten Ortsverbindungsstraßen und Wege, besonders durch das Überschießen der Artillerie, war für die Bevölkerung eine sehr große Belastung. Oftmals staute sich der Verkehr, besonders an den geschlossenen Absperrschranken der Ortsverbindungsstraßen Mahlitz – Schollene – Groß Wudicke – Steckelsdorf – Göttlin – Grütz.
Der private und öffentliche Verkehr war ständig betroffen und es gab unzählige Beschwerden und sogenannte Eingaben, die aber wegen der ungemein hohen Schieß- und Übungstätigkeit wenig nützten. Den gleichzeitigen Einsatz von Hunderten von Soldaten, Artillerie/Raketensystemen, Panzern, Hubschraubern und der Luftwaffe, kann sich der, der es nicht miterlebte, kaum vorstellen. Dieses „Inferno“ gibt es ja Gott sei Dank nun nicht mehr. Bei Raketenstarts mussten sogar die Bahnlinie Berlin – Rathenow und noch andere dutzend Verbindungsstraßen zusätzlich gesperrt werden. Auch Urlaubsdatschen, die unter der Flugbahn lagen, mussten zeitweilig verlassen werden. Wenn dann die Raketen im Zielraum kurz vor Klietz detonierten, fielen wirklich die Kaffeetassen aus dem Schrank! Die Sperrung der Wasserstraßen und des Luftraumes waren im Gegensatz dazu harmlos.

Der Truppenübungsplatz KLietz war in seiner Ursprünglichkeit für einen effektvollen Übungs- und Schießbetrieb so in natura nicht nutzbar. Um einsehbare Zielflächen und Schießgelände zu erhalten, mussten viele Hektar Wald und Bewuchs weichen. Das Gelände musste teilweise begradigt werden und es wurden viele Kubikmeter Erde bewegt. So entstanden größere Kahlflächen mit reinem Sandboden. Durch den ständigen Übungsbetrieb wurde der Nachwuchs mit Vegetation bzw. Wildwuchs verhindert. Das war für die Flora und Fauna in diesem Gelände nicht von Nachteil, denn dadurch entstanden Lebensbedingungen für Insekten und Pflanzen, die in Europa nur noch selten vorkommen.

Aber auch technisch wurde der TRuppenübungsplatz Klietz mit modernen Zielanlagen ausgerüstet. Eine vollständige elektrische Verkabelung von der Elbe bis zur Havel ermöglichte das. Erwähnenswert wäre noch neben unzähligen Ereignissen und Begebenheiten, die Beseitigung der kleinen Ortschaft Ebelgünde. Dieser Ort mit ca. 10, meist älteren Einwohnern, lag im erweiterten Gelände des Truppenübungsplatzes, das den Anschluss an die Havel Übersetzstelle herstellen sollte. Fast unmittelbar – 2 km südlich von der Ortsverbindungsstraße Schollene – Steckelsdorf, in Höhe des Steckelsdorfer Sees, – war diese kleine Siedlung zwischen sogenanntem „Flöhensand“, kargen Äckern und Wald zu finden. Die Einwohner wurden mehrheitlich nach Rathenow „umgesiedelt“. Sie wurden durch bessere Wohn- und Lebensverhältnisse vielleicht entschädigt, aber ihre Heimat haben sie doch verloren. Das kann ich heute im „reiferen“ Alter viel besser verstehen.

Ich war gerade neu zur Kommandantur als Stellvertreter Kommandant und Leiter der Schieß- und Übungsplätze versetzt worden, stand der Situation ziemlich hilflos gegenüber und musste auf Wunsch von einem sehr kleinen Teil der Angehörigen die Umbettung der Gräber vom Friedhof Ebelgunde nach Rathenow organisieren. Ein Großteil der Gräber verblieb aber auf dem Gelände und der Friedhof wurde insgesamt so abgesichert, dass eine Zerstörung durch Übungen nicht möglich war. Auf Wunsch können Angehörige oder Geschichtsinteressierte den inzwischen sehr überwachsenen Friedhof besuchen.
Der Briefkasten der Ortschaft stand unmittelbar an der Ortsverbindungsstraße Schollene – Steckelsdorf und wird bis heute noch vom Militär zur Benennung eines Übungsabschnittes und Treffpunkt benutzt. Damals musste ich die Briefschlitze fest verschließen lassen, weil immer wieder Briefe von Soldaten und anderen Personen im Kasten waren, obwohl es die Ortschaft Ebelgünde schon längst nicht mehr gab. Selbstverständlich wurden diese Briefe zum Postamt nach Rathenow gebracht.


Fauna und Flora im Sperrgebiet des Truppenübungsplatzes Klietz

Irrtümlicherweise denken viele Menschen, dass die Natur oder der Naturschutz auf einem Truppenübungsplatz keine Rolle spielt. Aber genauso wie im zivilen Bereich unterliegt die militärische Nutzung den Bestimmungen und Festlegungen der Naturschutzbehörden aller Stufen. Das war zu DDR – Zeiten so und ist heute vielleicht sogar noch etwas strenger strukturiert.
Wie ein Händler habe ich damals ausgediente Hochspannungsmasten gesucht. Damit sollten sichere Bruthorste für den Seeadler, der gerade ansässig wurde, geschaffen werden. Mit ausgedienten Panzerketten konnte ich einen Tauschhandel bei den damaligen Energiebetrieben erreichen. Stahlschrott gegen Stahlschrott, Hauptsache der volkseigene Betrieb(VEB) konnte sein planmäßig vorgeschriebenes Schrottaufkommen abrechnen und ich hatte Bruthorste für den Adler.Freilich haben wir einige Brutstätten des Seeadlers am Platzrand geheim gehalten. Damit erreichten wir die erforderliche Ruhe, die beim Bebrüten der Eier und der Aufzucht der Jungtiere notwendig war. Denn die Seeadler sind sehr scheue Tiere, die schon bei geringster Störung den Horst verlassen. Heut gibt es mehrere Seeadler- und Fischadlerpaare, die erfolgreich auf dem Truppenübungsplatz brüten und Jungtiere aufziehen. Durch die Abschottung des militärischen Geländes von der Öffentlichkeit konnte sich die Natur großzügiger und freier entwickeln. Fast ungestört erhielt sich der Bestand an Tieren und Pflanzen, die leider außerhalb des gesperrten Geländes kaum noch zu finden sind. Die Wasserläufe, Kleinmoore und die entstandenen Geländeflächen in ihrer Vielfalt sind über Jahrzehnte kaum verändert worden. Die „Stammplätze“ der Pflanzen und Tiere wurden somit erhalten.Aber auch die spezielle militärische Nutzung der Wälder und Freiflächen sind für den Erhalt bestimmter Pflanzenarten nahezu notwendig. Der durch die militärische Nutzung entstandene Trockenrasen, die kargen Sandflächen und die Heideflächen bieten besonders Kleinstlebewesen und sogenannten Pionierpflanzen Lebensraum. Natürlich könnte ich hier die Tiere und Pflanzen aufzählen, angefangen bei der roten Spinnmilbe, dem Feuersalamander, der Kreuzotter, dem Wiedehopf, der Nachtschwalbe, den vielen Fledermausarten, den Orchideenarten und vielem anderen mehr. Es gibt auch die volle Palette der jagdbaren Wildtiere, bis hin zum ausgewilderten Muffelwild. In jüngster Geschichte wird der Wolf immer mehr erwähnt, der sich scheinbar hier ein Revier sucht. Über die Naturausstattung könnten Seiten gefüllt werden.Sicherlich ist ein gesperrtes Gelände immer ein Einschnitt in die Lebensqualität, besonders für die Menschen, die in unmittelbarer Nähe zu diesem Gebiet leben müssen. Vielleicht ist es ein kleiner Trost, wenn über die dadurch erhaltene Natur berichtet wird. Wer sich für die Fauna und Flora des Truppenübungsplatzes näher interessiert, kann sich sicherlich beim Bundesforstbetrieb Nördliches Sachsen-Anhalt in Klietz fachlich fundierte Auskunft holen.

Meine persönliche Abschlussbetrachtung

Der historische Zeitraum meiner Schilderung bis zur heutigen Zeit ist relativ kurz in der riesigen Zeitgeschichte der Ortschaft Klietz. Aber die Geschehnisse gerade in dieser Zeit haben den Ort und die Menschen wohl am intensivsten durch die Kürze der Ereignisse geprägt. Jeder bewertet sicherlich aus seiner Sicht die Geschehnisse der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft unseres unmittelbaren Lebensraumes anders, und das ist gut so. Die ständige Stationierung von Truppen auf dem Truppenübungsplatz Klietz, bis auf die Truppenübungsplatzkommandantur der Bundeswehr, ist längst Vergangenheit. Die Kaserne am See wird nicht mehr durch Stammtruppenteile belegt und ist zum Truppenlager für die übende Truppe umfunktioniert.Lediglich die Kommandantur ist als Stammtruppe in die Kaserne des ehemaligen Militärwissenschaftlichen Instituts umgezogen.
Der Erhalt des Truppenübungsplatz Klietz hatte verständlicherweise sehr viele Gegner, aber auch viele Befürworter.
Letztendlich wurden die Kommandantur und das meiste Gelände von der Bundeswehr zum weiteren Beüben und Schießen übernommen.
Die Hoffnung auf ein freies Betreten des Übungsplatzes nach 1990 hatte sich somit nicht erfüllt. Aber die strengen Auflagen für das Militär zum Schutz der Bevölkerung und der Natur, ermöglichen ein besseres Miteinander des Militärs mit den Anrainergemeinden.Es ist zumindest ein Gewinn in der Lebensqualität der Anwohner, weil die Schießzeiten enorm eingeschränkt sind und an Wochenenden gar nicht geschossen werden darf. Das Schießen mit den „schweren“ Kalibern ist überflüssig geworden und die Kaffeetassen können ruhig im Schrank stehen bleiben. Die Sperranlagen der Ortsverbindungsstraßen wurden beseitigt und viele Wege zum Befahren der schweren Fahrzeuge des Militärs sind gesperrt. Als ich 1991 den Truppenübungsplatz übergab und später in das schöne Rheinland versetzt wurde, hatte ich ein gutes Gefühl für meine inzwischen zur Heimat gewordene Gemeinde Klietz. Besonders im Hinblick darauf, dass es mit dem Militär und dem Übungsplatz ein gutes Miteinander, auch zum Nutzen für die Gemeinde und der Menschen in Klietz, geben kann.