Aus dem Leben einer Gemeindeschwester

aufgeschrieben Ilona Hagemann | geboren 1948 | Gemeindeschwester

Ich wurde am 27.07.1918 in Dorste auf einer grünen Wiese geboren. Ich hatte es sehr eilig, auf die Welt zu kommen, warteten doch mein 7 Jahre älterer Bruder und meine 11 Jahre alte Schwester auf mich. Dennoch – Geburtsort „grüne Wiese“ ist schon sehr ungewöhnlich. So ungewöhnlich, wie der Beginn meines Lebens war, sollte es immer bleiben“ So beginnen die Aufzeichnungen der späteren Gemeindeschwester Marthchen, die in Klietz, Neuermark und Lübars tätig war. Ehe es dazu kommen konnte, hatte es in ihrem Leben Stationen gegeben, die sie geprägt hatten und den Wunsch, Menschen zu helfen, bei ihr weckten. So war sie während des Krieges in einem Lazarett tätig, wo sie alle anfallenden Aufgaben erledigte und eines Tages vom Chefarzt gefragt wurde, ob sie nicht als OP-Schwester arbeiten wolle. Natürlich wollte sie, denn „das war das Heiligtum für uns einfache Schwestern“, erzählte sie. Auch ihren Mann lernte sie in dieser Zeit kennen. Aus dieser Bekanntschaft wurde Liebe, die beiden heirateten und bald wurde Tochter Ingrid geboren. Später wurde die Ehe geschieden und nachdem sie 1948 ihren zweiten Mann geheiratet hatte, wurde Tochter Ilona geboren. Und diese Tochter bin ich.

Ich denke, die Geschichte meiner Mutter sollte unbedingt aufgeschrieben werden: Mein Vater war Maurer, und da es nicht immer einfach war für die Familie zu sorgen, wurde nebenbei der Acker bestellt und auch Tiere wurden gehalten. Auch die Kinder mussten auf dem Feld mit helfen. Die Eltern hatten eine Kuh, die sie vor den Wagen spannten, da das Geld für ein Pferd einfach nicht aufzubringen war. Mit dem Gespann mussten wir die Bahngleise überqueren und um unliebsame Zwischenfälle zu vermeiden, warteten wir immer, bis der Zug durch war und verhinderten so einen Zusammenprall des Zuges mit der Kuh. Im Dorf hatte es sich herumgesprochen, dass Mutter über einige medizinische Kenntnisse verfügte. So kam es, dass sie nebenbei die bei den Leuten auftretenden kleinen Wehwehchen behandelte. Eines Tages stand eine große, schlanke Frau vor unserer Haustür und wollte meine Mutter sprechen.

„Ich bin Schwester Luise aus Klietz und komme mit einer großen Bitte zu Ihnen. Ich brauche eine Vertretung für meine Arbeit, denn ich bekomme ein Gebiss. Die Zeit, in der ich keine Zähe habe, würde ich gern zu Hause bleiben. Das erlaubt unser Kreisarzt aber nur, wenn ich eine Vertretung habe. Sie wurden mir von Dr. Kaiser empfohlen.“ Meine Mutter war ziemlich überrascht und reagierte entsprechend: „Solche Arbeit habe ich doch noch nie gemacht, ich habe immer nur im Krankenhaus gearbeitet.“ Außerdem gab sie zu bedenken, dass sie nicht wusste, wo die Leute wohnen. Zum Schluss wurden sich die beiden einig, meine Mutter begleitete Schwester Luise bei den Hausbesuchen und lernte so ihre Patienten kennen. Bald hatte es sich herumgesprochen, dass sie in Klietz als Gemeindeschwester arbeitete und es tauchte die Frage auf, weshalb sie nicht auch in Neuermark arbeiten wolle. Der Bürgermeister aber war der Meinung, solchen „neumodischen Kram“ brauchen wir in unserem Dorf nicht.“

Das änderte sich sehr schnell, als seine Tochter erkrankte. Leider hatte sie Krebs und musste zwei Mal täglich gespritzt werden und jede Spritze musste bezahlt werden. Nun brauchten wir doch eine Gemeindeschwester! Als meine Mutter eines Tages nach Hause kam – es war im Jahr 1954 – stand ein Auto vor unserer Haustür. Dr. Reinike, der Kreisarzt, wollte sie sprechen. Auch den Bürgermeister! Im ehemaligen Gutshaus wurden zwei Räume als Schwesternstation eingerichtet. Das war eine gute Errungenschaft. Mit kleinen und größeren Beschwerden kamen die Patienten in die Sprechstunde, die täglich von 8.00 Uhr bis 10.00 Uhr und von 14.00 Uhr bis 19.00 Uhr stattfand. Anschließend wurden die Patienten besucht, die das Bett hüten mussten.Kamen Patienten zu uns nach Hause, mussten wir Kinder so lange auf den Flur gehen. Später hatte unsere Mutter eine ärztliche Sprechstunde in unserem Dorf durchgesetzt. Die Ärzte, mit denen sie zusammen arbeitete, waren Dr. Burchardt, Dr. Kunik, Dr. Riemer, Dr. Schultke, Frau Dr. Kunzmann sowie Dr. Gilbrich. In der Anfangszeit bekam Mutter Unterstützung von Dr. Kaiser aus Klietz, mit dem sie schon lange guten Kontakt hatte. Ehe es die Schwesternstation gab, hielten Dr. Liebenow und Dr. Buchardt die Sprechstunden in Lübars im Haus der Familie Bars ab, in Neuermark fand die Sprechstunde in der Gaststätte Rollenhagen statt. Als später das Landambulatorium eröffnet worden war, hielten Dr. Kunik und später Dr. Riemer Sprechstunde ab. Die Schwesternstation befand sich später in unserem Haus, nachdem Vater in der Scheune ein Schlafzimmer und am Haus eine Veranda angebaut hatte.


Die 1969 neu gebaute Schwesternstation in Neuermark, die in einem ehemaligen Stallgebäude ausgebaut worden war, war zu dieser Zeit die modernste des Kreises. Zur Einweihung am 17.07.1969 wurden Gäste aus Havelberg, Stendal, Osterburg und Tangerhütte begrüßt. Unsere Mutter war stolz auf 1 Wartezimmer, 1 Sprechzimmer und ein Behandlungszimmer. Stolz war aber auch unser Bürgermeister, Karl Rockhausen. Er konnte sich immer auf seine Leute im Dorf verlassen, wenn er Hilfe brauchte. Er selbst hat sehr viel für unser Dorf geleistet. Ihm haben wir den Anschluss ans zentrale Wassernetz von Klietz zu verdanken. Die medizinische Betreuung war abgesichert: Dr. Gilbrich und Dr. Kunzmann hielten am Montagnachmittag und Donnerstagvormittag in der Schwesternstation Sprechstunde ab. Die Geburtenzahl im Dorf hatte stark zugenommen: es gab einen schönen Kindergarten, aber es fehlte eine Einrichtung für die Kinder, die jünger als drei Jahre waren. Als Schwester Marthchen die Probleme auf einer Schwesternberatung angesprochen hatte, stieß sie auf offene Ohren.

„Wenn Sie passendes Personal und die nötigen Räume dazu finden, bekommen sie alle Unterstützung von uns.“

Nun musste sie sich Gedanken machen! Einer jungen Frau aus Lübars machte sie den Vorschlag, die Leitung der Kinderkrippe zu übernehmen, wenn sie sich entsprechend qualifizieren würde. Die kleine Tochter der jungen Frau war ein Jahr älter als ich. Fräulein E. erbat sich Bedenkzeit. Unsere Mutter sprach mit anderen geeigneten Frauen, die Spaß an der Arbeit mit kleinen Kindern hatten und brauchte aber auch noch eine Köchin und eine Reinigungskraft. Nachdem sie personell alles abgesichert hatte, kümmerte sie sich um entsprechende Räume, die sie in der Gaststätte des Herrn H. A., der in den Westen gegangen war, fand. Mit dem Bürgermeister und der Familie setzte sie sich mit ihm in Verbindung. Mit Erfolg. Im Sommer 1955 wurde die Krippe feierlich eröffnet.

In den Erinnerungen beschreibt sie Episoden und Vorkommnisse, hat aber keine Namen genannt. Wozu auch? So lesen wir von Traurigem und Komischem und oft war die Grenze fließend. Zu Beginn ihrer Dienstzeit erschien ein alter Mann, dessen Rücken mit kleinen Bläschen übersät war. Sie konnte es nicht klären, hatte ihm Salbe verordnet und letztendlich den alten Herrn zum Doktor geschickt, der ihn auch eine Weile – aber leider auch ergebnislos – behandelte. Da er ein kluger Arzt war, schickte er den Patienten zu einem Professor. Dieser guckte sich die Geschichte an und fragte dann nach den genauen Lebensumständen. Die Antwort: „Ach, Herr Doktor, was soll ich in meinem Alter noch viel machen? Ich sitze am Kachelofen und lese die Zeitung.“ Nun war klar, woher die Bläschen kamen: Er hatte sich ganz einfach am Ofen den Rücken verbrannt….!

Ganz am Anfang ihrer Zeit als Gemeindeschwester hatte sich der Vater der Nachbarn erhängt. Er war wohl mit seinem Leben nicht zurecht gekommen. Kurze Zeit später wurde während der Heuernte einer Frau mit der Mähmaschine das Bein abgemäht. Eines Tages explodierten in der Windmühle die Mühlensteine und verletzten einen Mann schwer. Er verlor eine Hand und seine Sehkraft. Während eines Gewitters wurde ein Mann vom Blitz getroffen und unter seinem Pferd begraben. Zum Glück überlebte er. Eine andere tragische Geschichte ist die des alten Mannes im Rollstuhl. Er hatte seinen Kahn in einem der Elblöcher festgemacht. Als er festgestellt hatte, dass die Jungen mit seinem Kahn eine Fahrt auf dem Wasser unternommen hatten, fuhr er mit seinem Rollstuhl zum Bruch, stieg aus, nahm einen Knüppel auf und drohte: „Verdammte Bengels, ich schlage euch tot“, kippte um und war tot…


Nach einer Disco in der „Erntezeit“ war ein junges Mädchen bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt worden. Es starb auf dem Weg ins Krankenhaus in den Armen meiner Mutter. Man muss stark sein, alle diese Ereignisse zu verarbeiten! Zwischendurch traten im Dorf fast alle Kinderkrankheiten auf: Scharlach, Masern, Gelbsucht, Ziegenpeter, Röteln. Von allen Krankheiten wurde auch ich erwischt, meine ältere Schwester war nicht so empfindlich. Unsere Mutter hatte besonders große Angst, als im Dorf Kinderlähmung ausbrach und ließ uns Impfstoff aus dem Westen schicken. Als ein Kind an Kinderlähmung verstorben war, kommentierte unsere Mutter das so: „Wer weiß, was ihm alles erspart bleibt.-„ Ein kleiner Junge -1 Jahr alt- wurde auf dem Acker von einem Trecker überfahren. Unbeschreiblich, das Leid! Ein Familienvater von drei kleinen Kindern hatte sich in der Scheune das Leben genommen, ein kleiner Junge war in einen Bienenschwarm geraten.

An eine alte Frau konnte sich Mutter noch ganz genau erinnern. Sie hatte sie schon einige Zeit gepflegt, als sie bei einem Hausbesuch gebeten wurde, der Kranken aus der Bibel vorzulesen und ihr ein frisches Nachthemd zu geben. „Wenn Sie von Lübars zurück kommen, kommen sie bitte noch ein Mal zu mir. Dann bin ich eingeschlafen, dann hat mich der Herrgott zu sich genommen. Er hat mich lange genug warten lassen.“ Als Mutter ins Haus kam, war die Patientin wirklich eingeschlafen – für immer! So viele traurige Erlebnisse hatten unsere Mutter aber nicht davon abbringen können, sich um das Wohl und Wehe der Gemeindemitglieder zu kümmern. Nach den geschilderten tragischen Erlebnissen soll nun doch auch Kurioses genannt werden. Nur kurios? Na ja… Ein Ehemann, laut Aussage unserer Mutter ein richtiges „Ekelpaket“ gegenüber seiner Frau, hatte ihr den Nachtpott auf dem Kopf zerschlagen und zwar so kräftig, dass sie eine ordentliche Platzwunde davon trug. Der Mann verbot natürlich energisch den Arzt kommen zu lassen. So mussten die Haare abrasiert werden, damit die Wunde behandelt werden konnte. So etwas durfte nicht an die Öffentlichkeit kommen.

Als Mutter eines Abends mit mehreren Frauen – ich war auch dabei – an der Milchbank stand, waren aus dem Haus gegenüber stöhnende Geräusche einer Frau zu hören. Im Haus wohnte eine allein stehende Frau, die schon öfter über Gallenkoliken geklagt hatte. Mutter horchte am Fenster, ob die Geräusche von ihr kämen. Als sie wieder zurück kam, konnte sie sich vor Lachen kaum halten. Bei der alten Dame war es ganz still, aber auf dem Nachbarhof stand die Toilettentür des „Plumpsklos“ offen, die Oma saß drauf und machte diese Geräusche…. Darüber konnten wir dann alle lachen.

An einem warmen Sommerabend, die Uhr zeigte kurz nach 21.00 Uhr, wurde Mutter ganz aufgeregt von Frau M. angerufen: ihrem Sohn Peter gehe es so schlecht, ob sie nicht ganz schnell kommen könne. Pflichtbewusst, wie sie war, ließ sie alles stehen und liegen, nahm ihr Fahrrad und fuhr los. In Lübars angekommen, sieht sie Peter schon von Weitem mit anderen Jungen Fußball spielen. Das war zu viel: „Sie rufen mich an, weil Ihr Peter krank ist, dabei spielt er draußen Fußball!“ schmetterte sie der Mutter des Jungen entgegen. Kleinlaut bat die Mutter: „Schwester Martha, können Sie ihm nicht mal sagen, dass er so spät nicht mehr auf der Straße spielen kann. Er muss doch morgen früh wieder zur Schule. Auf mich hört er einfach nicht!“ „Tut mir Leid, Frau M., aber für die Erziehung Ihrer Kinder bin ich nicht zuständig.“ Trotzdem erzählte sie dem Jungen freundlich ein paar Takte, der darauf freiwillig ins Haus ging. Eines Tages kam Herr P. vom anderen Ende des Dorfes ganz aufgeregt mit seinem Fahrrad an: „Schwester Martha, kommen Sie schnell, bitte, bei meiner Frau haben die Wehen eingesetzt, bis zum Krankenhaus wird sie es nicht mehr schaffen.“

Schnell nimmt sie ihre Hebammentasche und fährt los. Die Familie hat schon 4 Kinder. Mutter setzt diese kurz entschlossen der Reihe nach auf den Tisch mit der nachdrücklichen Forderung: „Ihr bleibt hier sitzen, bis ich wieder aus dem Schlafzimmer raus komme!“ Die Frau wird ein gesundes Mädchen entbinden. Nachdem sie das Kind in die Arme der Mutter gelegt hatte, teilte sie den Kindern mit, dass der Klapperstorch ein Schwesterchen gebracht hätte. „Du lügst“, riefen die Kinder aufgeregt, „die hast du bei unserer Mama aus dem Bett geholt.“ Natürlich war die Rasselbande nicht auf dem Tisch sitzen geblieben, die vier Kinder waren heimlich runter gekrabbelt und hatten durchs Schlüsselloch geluchst. Mit Grausen erinnerte sich Mutter an die Behandlung eines allein lebenden Mannes. Alles, was es an Ungeziefer gab, hatte der Mann als Haustiere: Mäuse, Flöhe, Wanzen, Läuse. Wenn sie zu ihm musste, zog sie nur einen weißen Schlüpfer und einen weißen Kittel an. Auf dem Kopf trug sie unter der Schwesternhaube eine eng anliegende Badekappe. Zu Hause hatte unser Vater in der Zwischenzeit eine Zinkwanne mit heißem Wasser aufgestellt. Darin tauchte sie unter, um das Ungeziefer los zu werden. Das ging jeden Abend so bis zum Tod des alten Mannes.


Zu DDR-Zeiten war es nicht gern gesehen, dass man als Gemeindeschwester Kontakt zum „Westen“ hatte. Kurz vor Weihnachten brachte die Postfrau unserer Mutter ein Westpaket. Das blieb den Kolleginnen nicht verborgen. Es dauerte nicht lange und sie wurde zu einem Gespräch zum Kreisarzt vorgeladen. Nun war klar, eine der Kolleginnen hatte sie „angeschissen“. Der Kreisarzt fragte: „Na, Schwester Marthchen, wie geht´s? Bei der Arbeit alles in Ordnung? Möchten Sie einen Kaffee?“ und so weiter und so weiter…. Im Stillen fragte sie sich, was das solle, wann er nun endlich zum Punkt käme. Er aber sprach mit ihr über Gott und die Welt, schaute ein paar Mal auf die Uhr. Dann verabschiedete er sich mit den Worten: „Nun haben wir wohl lange genug miteinander geredet. Ich wünsche Ihnen alles Gute, Schwester Marthchen.“ Draußen angekommen, fragten die Kolleginnen, was denn nun gewesen sei. Sie sagte nur: „Ich weiß es nicht!“ Am anderen Tag aber wusste sie es: Unser Kreisarzt war nach dem Westen abgehauen.

Eines Tages war im Dorf die Schweinepest ausgebrochen. Mit dem Zug fuhr sie nach Westberlin, um Impfstoff zu holen, den eine Schwägerin besorgen konnte. Als Mutter an die Grenze kam, traf sie dort den Großbauern, unseren Nachbarn. Da unsere Mutter in Schwesterntracht war, hatte er gleich eine gute Idee: „Marthchen, dich in Schwesterntracht kontrollieren sie bestimmt nicht, aber mich als Bauern haben sie doch gleich am Arsch. Nimmst du meinen Impfstoff mit rüber?“ Sie gingen zum Zoll, er konnte durchgehen, Mutter aber musste rein zur Kontrolle. Jetzt hieß es schnell reagieren, damit nicht alles vergeblich war. Als sie reinkam, wetterte sie gleich los, wo man sich hier beschweren könne. „Stunden sitzt man hier auf dem kalten Bahnhof und kann sich nirgends aufwärmen, keine Mitropa hat geöffnet, wo man was Warmes trinken kann.“ Nachdem der Beamte den Weg zur Beschwerdestelle beschrieben hatte, verließ sie den Raum, rannte zum Zug, stieg ein und der Zug fuhr sofort los. Es war keiner glücklicher als sie und wahrscheinlich der Großbauer auch.

Familiär gab es auch Veränderungen: Wir Töchter heirateten und Mutter wurde eine glückliche Oma. Vergessen dürfen wir aber den Anteil, den unser Vater am Leben der Familie hat, auf gar keinen Fall. Oft hielt er Mutter den Rücken frei, denn Krankheit fragt nicht nach der Arbeits- und Tageszeit. Unsere Mutter kümmerte sich im Dorf nicht nur um Kranke und deren Wehwehchen. Wer Sorgen hatte, konnte sich an sie wenden und sie half, wo sie nur konnte. Kamen Studenten ins Dorf, sorgte sie für passende Unterkünfte, ehemalige Strafgefangene wurden betreut und sie besorgte für sie auch Wäsche und Möbel. Eine ihrer ersten Fahrten mit dem Moped bleibt uns allen unvergesslich: Vater hatte vorsorglich das Hoftor geöffnet, damit sie nicht erst anhalten musste. Starten konnte sie das gute Stück. Aber wie hält man es an? In dieser Situation kam ihr der Misthaufen zu Hilfe, auf dem sie unverletzt „landen“ konnte. Nach der Schließung der Grenze hatte sie überlegt, in ihre alte Heimat zurück zu kehren. Und sie sagte dazu: „…dann dachte ich an die vielen Menschen, die auf mich bauten und auf meine Hilfe angewiesen waren. Ich konnte sie doch nicht so einfach im Stich lassen.“ Nachdem sie das Rentenalter und die erste Rente (334,- Mark) erreicht hatte, arbeitete sie noch zwei Jahre weiter und lernte ihre Nachfolgerin an. Als sie später das erste Mal in ihre alte Heimat fahren konnte, begegneten ihr dort auch nur fremde Menschen und das Heimweh war weg.

Gegen Ende ihres Lebens dachte sie immer häufiger darüber nach, ob sie im Leben alles richtig gemacht hätte. Freilich war für uns Kinder nicht immer ausreichend Zeit geblieben, das beschäftigte sie schon sehr. Meine ältere Schwester und ich kümmerten uns um sie und sie war froh, ihren Lebensabend in ihrer gewohnten Umgebung verbringen zu können. Wir alle – Kinder, Enkel und Urenkel – sind ihr dankbar für das, was sie für uns getan hat. In dankbarer Erinnerung behalten sie aber auch die vielen Menschen aus den Dörfern, in denen sie gewirkt hat als Gemeindeschwester Marthchen.

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Quelle: Das Wissen der Region Band 4